Pressetext / Rede FOE

Pressetext:
“Die Poesie ist wie ein streunender Hund, der im tiefen Morast, im dunklen Unterholz immer auf der Suche nach Beute ist. Aber manchmal kratzt er an meiner Tür, will ins Warme, will eine ordentliche Mahlzeit, und dann lässt er sich von mir streicheln und hinter den Ohren kraulen. Und ich komme mit meiner Nase ganz nah an sein Fell und rieche … und rieche …. und schmecke …” sagt Alexander Reuas 1905. Bewusst setzt Frank Sauer sein poetisches alter Ego in die Zeit der Dichtung von Morgenstern und Ringelnatz . Und so sieht er seine Verse auch, in der poetischen Tradition der letzten grossen Blüte deutscher Lyrik. Hunde küssen, Steine sprechen, die Drohne kann auch ohne, ein Stuhl bricht mit seiner Kette, der schräge Blick rührt, sie ist zum Bücken viel zu schön, im Sauer´schen Gedicht ist alles möglich. Wortfetzen, die sich reimen, die einen eigenen Beat schlagen, bestimmen den Inhalt, und erst auf den zweiten Blick erscheinen altbekannte Bilder, die wieder so etwas wie „Sinn“, oder „Unsinn““ ergeben.

Aber man begegnet bei ihm auch Brecht, Kafka, den Dadaisten, Kant, Derrida, Freud, Musil. Seine poetischen Reisen beschwören Bilder, die vom romantischen Gedicht, das einer absoluten Liebe huldigt, bis zu dem Versuch dekonstruktivistische Modelle anzuwenden, reichen. Jedes Gedicht ist nur ein Wimpernschlag, öffnet aber, wenn man sich darauf einlässt, die Tür zum „Anderen Zustand“ im Musil´schen Sinne. Oft erscheinen die Verse auf den ersten Blick absurd, surreal, unzugänglich, aber wenn ein Lächeln auf den Lippen, oder eine Denkfalte auf der Stirn erscheint, haben sie dich schon gepackt.

Begleitet werden die Gedichtbände von Illustrationen, die den Versuch wagen zu ausgewählten Gedichten entsprechende Motive zu finden. Den ersten Band hat der norwegische Künstler und Seefahrer Isak Ladegard bebildert.
Im zweiten Band geht der Münchner Künstler Emanuel Eckl, ehemals Meisterschüler von Günter Förg an der Münchner Kunstakademie, mit den Gedichten in den Clinch und findet in seiner typischen Bildsprache eine eigene visuelle Umsetzung.
Beide Gedichtbände sind ab 15. November im Buchhandel erhältlich.

Rede:

Herzlich Willkommen heute bei dieser Doppelbuch Präsentation. 2 Gedichtbände von Frank Sauer stellt ihnen die FOE vor.

Band I, jede Woche ein Gedicht, oder wie eine Stuhl mit seiner Kette bricht, und Band II jede Woche eine Gedicht, oder wie eine Mensch mit andern spricht. Beide Bände können sie hier kaufen, sie sind aber auch im Buchhandel erhältlich. Ausserdem sind alle Illustrationen als Ausstellung hier gehängt. Die farbigen Gedicht-Bilder von Emanuel Eckl hängen dort als als Originale.

Aber was ist schon ein Gedicht? Ein paar Zeilen Wortgeflecht, das sich reimt, oder auch nicht. Und irgendwie antiquiert. Und wer schreibt heute schon noch Gedichte? Romantiker mit zu viel Gefühl, Frauen mit Hang zur Esoterik…

Dabei darf man nicht vergessen. Es fing alles mit der Versform an. Bei den Griechen Sappho, Anakreon, Simonides von Keos, im Hochmittelalter die Edda, das Nibelungenlied. Die Klassiker, die Romantiker, die Realisten.
Und heute? Vielleicht ist die populäre Entsprechung tatsächlich eher der Songtext der Popmusik. „I´m a looser baby, why don´t you kill me“ von Beck hat doch viel Poetisches.

Zumindest wird die Lyrik dort wieder ihrem ursprünglichen Sinn gerecht. Bei den Griechen wurde die Dichtung immer von der Lyra , einem Saiteninstrument, begleitet. Daher auch der Name Lyrik.

Frank Sauers Gedichte sind keine Poptexte. Und jede Woche ein Gedicht ist keine Tagebuch – Agenda. Die Gedichte der 2 Bände sind in den letzten 10 Jahren entstanden. Und trotzdem spürt man immer so etwas wie einen chronologischen Bogen in der Abfolge.

Als Vorworte hat Frank Sauer, 2 philosophische Texte gesetzt. Sicher auch ein Tribut an sein Philosophiestudium. Im ersten Band erklärt Robert Musil in einer kunstästhetischen Abhandlung den „anderen Zustand“.

Musil sagt:
…und in diesem anderen Zustand gibt es weder Maß noch Genauigkeit, weder Zweck noch Ursache, gut und böse fallen einfach weg, ohne daß man sich ihrer zu überheben brauchte, und an Stelle aller dieser Beziehungen tritt ein geheimnisvoll schwellendes und ebbendes Zusammenfließen unseres Wesens mit dem der Dinge und anderen Menschen…
Dieser andere Zustand soll vom Künstler evoziert werden, um wahrhaft zu wirken. Im Sauerschen Sinne bedeutet das: Es gibt oft eine 2. 3. Ebene, die sich nicht entschlüsseln lässt, die aber wie ein Wortschatten eine Strahlungsquelle erahnen lässt.
Dem 2. Band wird ein Text des Vaters der Dekonstruktion Jaques Derrida vorangeschickt. Und auch hier geht es um verschlüsselte Botschaften, die sich mit herkömmlichen Mitteln nicht entschlüsseln lassen. Frank Sauer wagt den Versuch im Gedicht Dekonstruktivismus anzuwenden, wie im Gedicht „ Derrida und Derrido“, was im dekonstruktivistischen Sinne eigentlich völliger Blödsinn ist, aber gibt es so etwas wie völliger Blödsinn?
Manchmal erinnern diese Nonsens-Reimkonstruktionen auch an Heinz Erhard: Idioten sitzen vor helldunklem Wein und Broten. Aber sie scheinen immer im Gegensatz zu Erhards Wortkunst eine Luft zu atmen, die elektrisch aufgeladen ist, die knistert, die vibriert.

Darüberhinaus begegnet man in seinen Gedichten Freud, Brecht, den Dadaisten, Kant, Kafka, Morgenstern, Motörhead. Und auch hier sind die Anspielungen spielerisch gesetzt, und haben viel von einer psychologischen Eigenaufarbeitung und setzen kontrapunktische Spitzen im Gedicht.

Aber dann wieder Verse, die erkennbar sind, wie seine Liebesgedichte, explizit erotische Poesie, das Gedicht als gesellschaftspolitisches Statement, wie „die Arroganz der Grossfinanz“, oder kleine Schmonzetten, wie „der Eisberg“, und immer wieder taucht das Thema „Beziehung“ auf. Und da greift abermals das Konzept „jede Woche ein Gedicht“, denn das jede-Woche-Gedicht kommt wie im richtigen Leben immer wieder in einem anderen Gewand daher.
Vielleicht ist ja heute auch der eine oder andere Gedichtmuffel dabei, aber ich rate ihnen, lassen sie sich darauf ein, es lohnt sich. Und auch wenn die Verse auf den ersten Blick sperrig, absurd, surreal, unsinnig erscheinen, wenn dann ein Lächeln auf den Lippen, oder ein Denkfalte auf der Stirn erscheint, haben sie Sie schon gepackt.

Im Raum dort hinten sind Gedicht- Videos zu sehen, die Frank Sauer für Ausstellungen-Events produziert hat, oder im Rahmen seines 2. Gedicht-Projekts: das Gedicht zum neuen Jahr, wo er zum Jahresanfang ein Gedicht als eine Art Musik-Kunst-Video aufarbeitet.

Der erste Gedichtband wurde von dem Norweger Isak Ladegard illustriert. Der 2. von dem Münchner Künstler Emanuel Eckl. Beide schaffen es in ihrer Bildsprache wirklich gelungene Entsprechungen zu den Gedichten zu finden, und sind eine sinnhafte Ergänzung, denn wie Frank Sauer erklärt:
in der Wortkunst ist das Gedicht die nächste Verwandte zum gemalten, gezeichneten Bild.

Und vielleicht sind seine Gedichte ja doch so etwas wie Songtexte:
Ob dem so ist, können sie bei seiner Singung, die etwa in einer Stunde starten wird, selbst entscheiden. Viel Spass…

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